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Teil 3:   Das Waldkurhaus


Am südlichen Ortsrand, unterhalb des Burgberges, befindet sich der „Seniorenwohnsitz Waldkurhaus“, früher Gaststätte und Ausflugslokal, Waldkurhaus Everling. In der Bevölkerung überwiegend nur Kurhaus Everling genannt.


Aus den Anfängen:

Wie in dem Brandversicherungskataster von 1754 verzeichnet, war ein Teil des Kurhausgrundstücks ursprünglich ein Brinksitzerhof *  im Besitz eines Andres Bode.

(* Brinksitzer = Anwesen mit Garten, kein oder wenig Ackerland).


Ein neu errichtetes Gebäude, später in der Bevölkerung auch „Haus Anna“ genannt, entstand im Jahr 1850.

Es ist durch einen Ehestiftungs – und Erbfolgevertrags weiter überliefert, dass 1844 die unverehelichte Henriette Robold aus Oberfreden Haus und Land als Brautschatz in die Ehe mit dem Seilermeister Jacob Hille einbrachte.

Durch erfolgreichen Zukauf 1856 von der herzoglichen Kammer (Land der Domäne) und 1861 durch einen Grundstückstausch, konnte Hille das Grundstück nun auf 3 Morgen und 71 ½ Quadratruten (entspricht ca. 9630 m²) vergrößern.

Im Jahre 1876 vererbte die Witwe Hille das Anwesen an ihren Sohn Christian Hille. Dieser verkaufte den Besitz 1886 an den Oberförster a.D. Carl Siemens.

Im Kaufvertrag waren die Altenteilsrechte, u.a. das Wohnrecht der Witwe Hille, geregelt. Dem Käufer wurde in diesem Vertrag eingeräumt, ab dem 2. November 1886 im Haus bauliche Veränderungen vorzunehmen. Hier beginnt die eigentliche Zeit des Kurhauses.

Viehstelle und Scheune wurden noch im gleichen Jahr zu Gästezimmern und einem Speisezimmer umgebaut. Es entstand ein Pferdestall mit Unterstellmöglichkeiten für 12 Pferde, sowie direkt am Haus ein weiteres Gebäude mit Stall und Aborten.

Carl Siemens war sehr baufreudig.

Im Jahr 1886 ließ er ein Logierhaus, das spätere Kurhaus, bauen. In diesem Gebäude entstanden neben vier Fremdenzimmern, ein Salon jeweils im Erd –und Obergeschoß. An der östlichen Giebelseite wurde eine Veranda angebaut. 1889 entstand ein neues Gästezimmer, eine Küche und ein Tanzsaal. Dieser wurde parallel zum Weg Prunzelberg errichtet.

Zum 1. April 1894 verkaufte Carl Siemens den gesamten Besitz an Christian Everling.

Christian Everling wollte seine Gastwirtschaft in Braunschweig, den „Bayerischen Hof“ , nicht aufgeben und verpachtete das Kurhaus an den Geschäftsreisenden Franz Zincke. Dieser erhielt im Februar 1894 von der herzoglichen Kreisdirektion die Genehmigung im „Logierhause und Restaurationsgebäude" die Gastwirtschaft zu betreiben.





Postkarte von 1894:

eine der ältesten Ansichtskarten im Stadtgebiet, verschickt am 5. August 1894 nach Gielde

(die Ansichtskarte mitzubeschreiben, war in dieser Zeit üblich)



Postkarte von 1901 (Farblithografie - Totalansicht)

untere rechte Seite:

Pferdestall und Eselstall

in der Verlängerung:

Haus Anna mit Stallgebäude und Aborte

links:

der Tanzsaal

rechts daneben:

das Kurhaus

in der Verlängerung:

die herzögliche Oberförsterei




Postkarte von 1901 (Farblithografie )

Ansicht: Tanzsaal, Kaffeegarten und Kurhaus mit Veranda


Im Jahre 1920 übergab Christian Everling den Besitz an seinen Sohn Emil Everling. Dieser hatte das Kurhaus schon einige Jahre als Geschäftsführer geleitet, da sein Vater in Braunschweig bleiben wollte. Im Braunschweigischen Landesadressbuch von 1904 wird Emil Everling schon als Kurhausverwalter geführt.

Immer wiederkehrende Sommergäste, Wochenendausflügler sowie Gäste aus dem Ort sorgten in den kommenden Jahren für gute Geschäfte. Die mit dem Zug anreisenden Feriengäste wurden mit einem Eselgespann vom Lichtenberger Bahnhof abgeholt.

Der Domänenpächter Uibeleisen feierte mit seiner Belegschaft die Erntefeste und Weihnachtsfeiern im Saal des Kurhauses. Dieses geschah im jährlichen Wechsel mit dem Burgberg.

Zur Nord- und Westseite war der Saal umlaufend mit einer Überdachung versehen, welche den Gästen die Möglichkeit gab, auch bei schlechtem Wetter geschützt im Freien zu sitzen. Das Kurhaus war auch Vereinslokal des Lichtenberger Männergesangverein „Eintracht“. Man traf sich wöchentlich in der Gaststube zum Singabend.

Alle Vereinsvergnügen und Sängerfeste fanden im Saal oder auf dem Kurhausgelände statt. Um für diese Feste ein Festzelt aufbauen zu können, bedurfte es einer sehr gewagten Baukonstruktion. Um die Höhenunterschiede dem abfallenden Gelände anzupassenden Sitz- und Stellflächen des Kaffee- und Biergartens auszugleichen, wurden als Auflage für die Unterkonstruktion des Zeltfußbodens bis zu zwei leere Holzbierfässer übereinandergestellt.


Blick auf die am Ostgiebel vorgebaute, überdachte Terrasse

rechts: der Giebel vom Tanzsaal



Foto Postkarte vom 1903:

Blick auf das Kurhaus mit Saal    /      Eselgespann auf dem Weg Prunzelberg



Postkarte vom 1907 (Farblithografie)    -    Ansicht des Kurhausgeländes



Postkarte vom 23.05.1914 - Ansicht:

Südseite des Kurhauses vom Standort "Stukenbergweg"

rechts: Einmündung in den Weg "Klare Perle"



Eingangstor zum Kurhausgelände  -  im Hintergrund der Saal und das Kurhaus

rechts: Hausgiebel von Haus Anna




die Straße Prunzelberg: eine beliebte Rodelstrecke

rechts: der Kurhaus-Saal


Der zweite Weltkrieg veränderte die Situation in der Lichtenberger Gastronomie erheblich. Das Leben der Menschen waren mit zunehmender Kriegsdauer anders ausgerichtet. Das Vereinsleben war gänzlich eingestellt bzw. in staatliche Einrichtungen eingegliedert.

Während der Kriegsjahre 1940 – 1945 war das Kurhaus an den Gastwirt Heinrich Münich aus Braunschweig verpachtet.

Der Sohn von Anna und Emil Everling kam aus dem Krieg nicht zurück. Er galt als vermisst. Das Kurhaus wurde nun von der Schwiegertochter Elfriede Everling mit Unterstützung ihrer Schwiegereltern weitergeführt.


Annonce in der Festzeitung "100 Jahre Lichtenberg" im August 1957



Nach Ende des Krieges wollten die Menschen nach den Entbehrungen in den Kriegsjahren, im Rahmen ihrer Möglichkeiten, das Leben wieder genießen. Das sich entwickelnde Wirtschaftswunder trug mit dazu bei.  An den Feiertagen und Wochenenden „pilgerten“ die Menschen oft zu Hunderten wieder nach Lichtenberg. Auf den Wiesenflächen vor dem Wald, in der Ausdehnung vom Kurhaus bis zum Heimkehrer Kreuz, wurde gelagert, gespielt und mitgebrachter Kaffee und Kuchen verzehrt. Wer es sich leisten konnte, kehrte im Kurhaus ein, um dort eine „Krystalla“ Limonade, von der Mineralwasser Fabrik Otto Unverzagt (Lichtenberg), eine „Kunath – Bockwurst“ oder eine Tasse „Heimbskaffee“ (bekannte Firmen aus Braunschweig) zu genießen. Das Kurhaus war auch für seine sehr gute Küche bekannt.

Frau Elfriede Everling wohnte als alleinerziehende Mutter mit ihrer Tochter und den beiden Söhnen im Kurhaus.

Ihre Schwiegereltern, Anna und Emil Everling, hatten ihre Wohnung im „Haus Anna“. Bedingt durch den nach dem Krieg herrschenden Wohnraummangel fand die Flüchtlingsfamilie Matejasik bis 1953 dort Wohnraum. Im rechten Eingang des Hauses hatte Familie Ernst Rieger eine Wohnung.

Wohnhaus und Wohnung von A. und E. Everling

rechter Eingang: Einliegerwohnung Rieger



Postkarte mit 4 Ansichten von 1965

oben links:       Blick über die alte Trassenführung der Burgbergstraße auf Lichtenberg

oben rechts:    Westgiebel mit Treppenhaus

unten links:     Terrassen des Kaffeegartens

unten rechts:  Clubzimmer




Zum Ende der 1950er, Anfang der 60er Jahre, flachte das Geschäft der Gastronomie im Kurhaus immer mehr ab, auch bedingt durch die Ortsrandlage. Ebenfalls war das Kurhaus mit seinem steilen Anstieg zu Fuß schwerlich zu erreichen. Autofahren nach Alkoholgenuss wurde immer gezielter polizeilich geahndet.

1961 eröffnete sich für Familie Everling eine neue, weitere Einnahmequelle. Die Bundesrepublik Deutschland gestattete es, deutschen Unternehmen, zur Behebung des Arbeitskräftemangels,  im Ausland Gastarbeiter anzuwerben.

Davon machte u.a. auch die SASTA  (Salzgitter Stahlbau) aus Salzgitter-Watenstedt Gebrauch. Da sie aber für die angeworbenen italienischen Gastarbeiter in Salzgitter-Heerte nicht genügend Wohnraum zur Verfügung hatte, wurden auch im Kurhaus Gastarbeiter untergebracht. Da von der SASTA den Gastarbeitern eine Kostenbeteiligung abverlangt wurde und die Unterkunft im Kurhaus komfortabler als die in den Wohnbaracken in Heerte war, zogen die Bewohner meist nach ca. 1 ½ Jahren in andere Unterkünfte.

Ein Gastarbeiter aber blieb für immer. Aus dem jungen Sizilianer Salvatore Palmeri und der Tochter des Hauses, Waltraud Everling, wurde ein Ehepaar. Sie gründeten eine Familie und bekamen 2 Töchter. Diese junge Familie war eine Verstärkung für den Gastronomiebetrieb.

Das Kurhaus fand als Gastarbeiterunterkunft schon nach kurzer Pause wieder Verwendung. Die Firma Blaupunkt Hildesheim hatte für das Zweigwerk in Salzgitter-Lichtenberg türkische Gastarbeiterinnen angeworben. Diese wohnten nun für einige Zeit im Kurhaus.

Das Ende des Kurhauses zeichnete sich ab. Frau Everling sah sich altersbedingt nicht mehr in der Lage, den Betrieb noch weiter zu bewirtschaften. 1968 wurde der Gastbetrieb eingestellt. Die Sanierungsarbeiten wären zu umfangreich gewesen, z. B. hätte das Dach erneuert werden müssen, auch gab es für den Saal keinen ausreichenden Nutzungsbedarf mehr. 1969 wurde der Saal abgerissen.

Ein größeres Stück Garten und Ackerland nördlich von Haus Anna sowie die Fläche des abgerissenen Pferdestalls wurden als Bauplätze verkauft. Familie Palmeri baute für sich selbst dort ein Wohnhaus mit Zufahrt von der Klaren Perle.

1977 wurde das Kurhaus an Herrn Detlef Düßmann verkauft. Dieser nahm einige Umbauten vor. Das Kurhaus wurde ein Seniorenwohnsitz.

Ein Aufenthaltsraum/Speisesaal wurde gebaut. Haus Anna diente Herrn Düßmann als Wohnung. Ein Teil des Hauses wurde in die Nutzung als Seniorenwohnungen mit einbezogen. Im Laufe der Zeit wurden die Außenanlagen als Parkplatz, Zier- und Therapiegarten hergerichtet.

Der Seniorenwohnsitz wurde später von einem neuen Besitzer, Herrn Stein, übernommen. Dieser nahm weitere Um- und Erweiterungsbauten vor. Vom Haupthaus aus entstand eine Verbindung nach Haus Anna mit einem überdachten Wandelgang. Vor Haus Anna wurde ein Treppenturm mit Fahrstuhl errichtet. Der Seniorenwohnsitz war für viele Lichtenberger* innen für ihren letzten Lebensabschnitt ein beliebter Wohnort und ein Teil Heimat.



Tafel im Eingangsbereich

Stiftung zum Betriebsjubiläum  -  von dem ehemaligem Ortsheimatpfleger Hermann (Männe)  Brinkmann



Südseite: Ansicht nach dem Umbau

(vom Stukenbergweg auf den Seniorenwohnsitz)




Nordansicht (von der Klaren Perle)



Eingangsbereich zum Seniorenwohnsitz   -   rechts der Speisesaal


Sicht auf den Treppenturm mit Fahrstuhl   -  links daneben Wandelgang vom Haupthaus nach Haus Anna





Wandelgang vom Haupthaus zum Haus Anna


Haus Anna nach dem Umbau aus nördlicher Sicht   -   Standort: Klare Perle


Blick vom Stukenbergweg - Dezember 2021




Zum Jahresende 2021 wurde bekannt: das Kurhaus wird 2022 abgerissen.

Die Abrissarbeiten haben im Februar 2022 begonnen.  Es soll ein neues Altenheim entstehen.

Ein weiteres historisches Gebäude in Lichtenberg wird es dann nicht mehr geben.